Schenkkreise: Herzkreis - Schenken, um beschenkt zu werden

Von Dajana Eisermann - dajana {at} danamusik.de

Es gibt ein neues System, in dem Geld "fließt", in das viele ihre Energie stecken und von dem viele überzeugt sind, noch mehr Energie durch dieses System zurückzubekommen. Ich rede von "Schenkkreisen", "Herzkreisen" - mit oder ohne Geschlechtertrennung; es gibt viele liebevolle Namen, sowieso wird viel Liebe in diese Systeme gesteckt - und es handelt sich um sogenannte Schneeball- oder Pyramidensysteme. Ich versuche mal in einfachen Worten zu erklären, worum es geht:

Dieser Herzkreis, den ich besucht habe, besteht aus vier Stufen: acht Herzen oben, darunter vier, darunter zwei, ganz unten ein Herz. Die oberen acht Herzen sind Platzhalter für Menschen, in diesem Fall nur Frauen, die sich an dem System beteiligen wollen, und kosten 5.000 Euro; Sobald sich genügend Frauen gefunden haben, die ein Herz oder ein halbes haben wollen, so dass alle acht Herzen der oberen Reihe vergeben sind, bringen alle das Geld mit: 8 x 5.000 Euro = 40.000 Euro. Und schenken das Geld derjenigen, die das untere Herz besitzt. Die Beschenkte scheidet aus dem Kreis aus (Sie hat somit "ein ganzes Herz durchlaufen"), die zwei Herzen rutschen nach unten und teilen die Gruppe so in zwei Herzkreise, in denen sie jeweils das eine untere Herz bilden. Aufgezeichnet ist es ganz einfach:

Grafik

Nach der Geldauszahlung fällt der untere Kreis weg, und die darüberstehenden zwei Kreise bilden die Basis jeweils eines Kreises. Aus einem sind so zwei Kreise geworden, in denen jeweils 8 neue Investoren angeworben werden müssen.

Vor ca. einem halben Jahr habe ich ein interessantes Gespräch zwischen einer guten Freundin von mir, die eher esoterisch orientiert ist, damit meine ich, dass sie sich eher für emotionale, psychologische und energetische Vorgänge und nicht so sehr für logische, materielle und mathematische Aspekte interessiert, und ihrem Freund, einem Computerprogrammierer mit einem Faible für Systemtheorie. Im Laufe dieses Streitgesprächs wurde mir bewusst, wie sehr die beiden die extremen Seiten der männlichen und weiblichen Sichtweise auf die Welt verkörpern: Die beiden redeten bestimmt erst einmal eine halbe Stunde lang aneinander vorbei. Meine Freundin sprach mit Begeisterung von einem Frauenkreis, in den sie sich derzeit überlegte, einzutreten, sie redete von der Energie der Frauen, dass man damit eine gute Sache unterstützen kann, dass sich Geld vermehrt, ohne durch undurchsichtige Kanäle oder Institutionen zu fließen, dass man somit die Kontrolle über den Weg des Geldes behält, und dass es an sich ein gutes Gefühl sei, Geld für etwas/jemanden zu geben, bei dem man weiß, dass es gut genutzt wird und nicht zuletzt über das schöne Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei den regelmäßigen Treffen dieses Kreises entsteht - dadurch, dass immer neue Investoren geworben werden müssen, kommen immer neue Frauen in den Zirkel, und die Teilnehmenden sprechen nicht selten sogar von einer Subkultur, einer politischen Dimension dieses Systems, die sogar im Stande sei, die Wirtschaftsstruktur zu verändern und diese spirituellen, energetischen Vorgänge als wichtigen Aspekt einer funktionierenden Gesellschaft zu etablieren.

Ihr Freund hingegen blieb strikt auf der logischen Ebene und bezeichnete das System als "unfair". Als es irgendwann so weit war, dass die beiden sich gegenseitig ausreden ließen und dem anderen zuhörten, ohne sich von den Worten des anderen persönlich angegriffen zu fühlen, fand meine Freundin Zugang zu den Argumenten ihres Freundes:

Das System ist deshalb unfair, weil ein Gewinner von acht Investoren das Geld bekommt, welche, um selbst Gewinner werden zu können, wieder jeweils acht Investoren brauchen, die wiederum... usw. Es ist wie eine auf dem Kopf stehende Pyramide, in der die unteren wenigen Geld bekommen und die oberen Massen bezahlen. Es entstehen immer mehr Menschen, die investiert haben und nun auf Gewinn warte - bis irgendwann keine Investoren mehr da sind.

Es gibt Kreise, in denen der Gewinner oder "Beschenkte" wieder in einen Kreis investiert und auf diese Weise guten Glaubens ist, das Geld dadurch im Fluß zu halten und die Energie wieder in dieses System zu stecken. Aber selbst in diesem Fall benötigt jeder Kreis noch weitere 7 Investoren - es besteht also ein Verhältnis von 7:1 zwischen Zahlenden und Kassierenden. Und dieses Verhältnis drückt auch die Ungerechtigkeit des Systems aus, denn 7 bzw. 8 Menschen gehen pro Beschenktem leer aus, sobald keine neuen Geldgeber mehr gefunden werden können und Kreise dadurch abbrechen. Da diese Kreise sich ja immer wieder teilen und so unglaublich viele neue Investoren brauchen, wird immer wieder ein Kreis abbrechen.

Das ist die mathematische Seite dieses Systems - aber meiner Meinung hat diese Grundlage ethische Überlegungen zur Folge, die gerade spirituell interessierten Menschen nicht egal sein dürften:

Sobald ich weiß, dass dieser Kreis, in dem ich mich befinde, einmal versiegen, abbrechen wird, und zwar allein aus dem Grund, dass es nur eine begrenzte Anzahl Menschen auf dieser Welt gibt, gibt es keinen Zweifel mehr, dass irgendwann ein Ende dieser Kette erreicht ist (Deshalb ist es schon eine Verschleierung der Tatsachen, von einem Kreis zu reden). Und wenn ich mich dann an einem dieser "Geschenkkreise" beteilige und Geld geschenkt bekomme, bin ich nicht automatisch verantwortlich für diejenigen, die am Ende dieser Kette stehen? Denn selbst wenn ich einen Teil des gewonnenen Geldes für gute Zwecke verwende und einen Teil wieder in den "Kreis" stecke, so habe ich doch Gewinn gemacht, und dieser Gewinn kommt direkt aus den Händen von - sieben - Menschen, die ihr Geld nicht mir schenken wollten, sondern an diese mysteriöse Kraft des Geldes, sich selbst zu vermehren, geglaubt haben.

(Einige sehen es vielleicht als Glückspiel - aber man muss sozusagen immer hinter sich 8 Doofe wissen, die das Spiel mitspielen, sonst hat man verloren.)

Die Inspiration zu diesem Aufsatz kam mir, als ich letzte Woche selbst als Gast bei dem Treffen eines Herzkreises teilgenommen habe - eine Freundin von mir sprach von der Möglichkeit, gesponsert zu werden und dadurch ohne Risiko an diesem Kreis teilzunehmen; hat man den Kreis durchlaufen und bekommt das Geld, so bezahlt man einfach seinem Sponsor das Startgeld zurück.

Dieses Treffen fand in einer Villengegend in Köln in einem schönen Haus statt, welches auf wohlhabende Verhältnisse der Gastgeberin schließen ließ. Sie war zusammen mit einer Freundin von ihr die Besitzerin des unteren Herzens dieses Kreises, also diejenige, die als nächstes beschenkt werden sollte. Alle Frauen, die schon ihren Einsatz "geschenkt" hatten und so aktive Teilnehmerinnen dieses Herzkreises (auf der 2. oder 3. Stufe) waren, sorgten durch mitgebrachtes Essen für eine lauschige Atmosphäre, in der die Gäste, von denen viele das erste Mal da waren, sich erst mal entspannten und die erste Stunde mit Essen und Plaudern verbrachten. Danach setzte man sich in einen großen Kreis, es waren 22 Frauen da, deren Durchschnittsalter ich auf ca. 50 schätze. Meine Freundin und ich waren mit 25 und 32 deutlich die Jüngsten. Jede stellte sich in kurzen Worten vor, erklärte - falls sie kein Gast war - anhand eines großen Plakats mit aufgemalten Herzen ihre Position im Herzkreis und nannte ihren Beruf. Keine der Frauen, die schon öfters an diesen Treffen teilgenommen hatten, ließ es sich nehmen, sich begeistert über die Energien, die diese Treffen freisetzen würden, zu äußern. Eine sagte, nach ihrer ersten Teilnahme an einem Herzkreis fühlte sie sich so beschwingt, dass sie tanzen gehen wollte. Eine andere, sehr sympathische ca. 40-jährige Frau mit strahlenden Augen sprach sogar von der politischen Dimension dieser speziellen Art von "Subkultur", die dafür sorge, dass sich überall auf der Welt Frauen zusammenfinden und diese Energie spüren würden. Und dass es schon böse Artikel in der Zeitung über diese Sache gegeben habe, aber dass das ja bei neuen Strömungen oft so sei.

Im Großen und Ganzen bekam ich den Eindruck, dass viele dieser Ladies scheinbar ein recht einsames Leben führten und hier nun die Möglichkeit sahen, ihr Geld in eine gute Sache zu investieren, die aber auch Gewinn abwerfen würde.

Eine ältere, wohlbetuchte Dame sagte in der großen Runde, sie sei das erste Mal hier, aber sie habe schon einmal ein anderes ähnliches System durchlaufen und schlechte Erfahrungen damit gemacht. Ich fragte sie später noch mal im persönlichen Gespräch, was genau sie damit gemeint habe, und es stellte sich heraus, dass sie schon einmal Geld investiert hatte in einen Kreis und dann nicht genügend Investoren nachgekommen sind. Das Schlimme sei gewesen, dass sie Verwandte und Freunde angeworben hatte, so dass sie sich ein wenig verantwortlich fühlte für deren Verlust, besonders da es sich in zwei Fällen wohl nicht um so gut situierte Personen gehandelt hatte. "Für mich ist das Zocken, deshalb würde ich das auch noch mal mitmachen; aber ich würde keine Freunde mehr mit hineinziehen, höchstens Fremde."

Ich glaube nicht, dass die meisten der "Schenkenden" und "Beschenkten" so denken, aber ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht: Sie nehmen eine materielle und knallharte Sache wie Geldtransfer und verschleiern ihn mit dem Deckmantel von Spiritualität und Energiefluß. Sie sehen die kurzfristigen Erfolge und denken nicht an die langfristigen Auswirkungen - vergleichbar mit lokalem versus globalem Denken.

Und wenn man in die Augen von frisch "Beschenkten" schaut, die von diesem "unglaublichen Erlebnis des Beschenkwerdens" erzählen, bekommt man zuweilen den Eindruck, dass das Geld regelrecht angebetet wird und manchen der Herzkreis sogar als Ersatz für eine religiöse Gemeinschaft dient. Oder als kurzfristige Antwort einer Sinnsuche.

Ich musste dieses Erlebnis zwei Tage sacken lassen, bevor ich die Komplexität dieser Systeme einigermaßen überschauen konnte. Dann wurde ich traurig - was könnten diese Ladies nicht alles mit ihrem Geld machen, vor allem aber mit ihrer Energie! Wie viele gute Sachen, Initiativen, Hilfsorganisationen gibt es zu unterstützen, mit Geld, aber vor allem auch mit Tatkraft.

Köln, 25. März 2003

Dajana Eisermann - dajana {at} danamusik.de

Weiter: Spiritualität und Mathematik


Letzte Änderung dieser Seite: 16.10.2017 © 2002-2017 Moritz Both. Alle Rechte vorbehalten. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge liegt das Urheberrecht bei den jeweiligen AutorInnen. - Kontakt & Impressum