Herzkreis: Warum ich nicht teilnehme

21.05.2003

Brigitte Briegleb war bei einem Herzkreis Treffen. In einem Brief erläutert sie, warum sie nicht teilnimmt.

Liebe ***** Liebe Herzkreisfrauen!

Inzwischen hat sich bei mir alles gesetzt, was ich letzten Donnerstag an Eindrücken mitgenommen habe, und ich weiß jetzt, wie ich mich entscheiden werde, bzw. mich entschieden habe. Ich werde bei dieser Geschichte nicht mitmachen und das aus, wie ich finde, guten Gründen. Die Frauen, die ich letzten Donnerstag kennen gelernt habe, waren ausnahmslos wunderbar, nett, offen, sympathisch; die positiven Eigenschaften ließen sich beliebig fortsetzen. Drei Dinge stören mich jedoch erheblich:

1. Irgendwann wird die oberste Reihe mit den acht Herzen nicht mehr voll und dann bin ich mit schuld daran, dass Frauen viel Geld verloren haben. Wenn das alles reiche Tussis wären, könnte mir das egal sein, aber die Frauen kratzen ihr Erspartes zusammen und sind dann darauf angewiesen, dass die anderen alle wirklich nett sind und keine abspringt. Im Grunde ist es genau dieses Kettenbriefphänomen, was auch hier zum Tragen kommt. Irgendwann bricht das System zusammen und ich könnte des Geldes, das ich vielleicht schon in ein paar Wochen kriegen würde, nicht froh werden.

2. Die Einstellung, ohne dafür arbeiten zu müssen, die schnelle Mark bzw. den schnellen Euro zu machen, widerstrebt mir zutieftst und ich kann und möchte da nicht über meinen Schatten springen. Für mich ist das genau so eine Spekulation auf Kosten anderer, wie die naive Aktienspekuliererei, von der die Rede war.

3. Dass ich alle diese netten Frauen getroffen und kennen gelernt habe, ist nur dem Geld zu verdanken. Das Geld, was jede gerne haben möchte, ist sozusagen beziehungsstiftend und es bleibt die Grundlage der Kommunikation, sowie der Beweggrund, dass man sich trifft. Dies ist leider - ganz allgemein gesprochen - eines der Hauptmerkmale, an dem unsere (kapitalistische) Gesellschaft krankt. "Geld regiert die Welt" hat mal jemand formuliert. Ich glaube, dass viele "Herzfrauen" dies auch spüren und deshalb sind die Treffen so freundlich arrangiert und man macht alles nett und tut so, als wäre es ein Treffen von Freundinnen. Zudem gibt man der ganzen Sache noch einen sozialen Anstrich, damit die Gewissen beruhigt werden, und der letztlich kapitalistische Charakter der Aktion nicht in den Vordergrund gerät.

Ich wünsche Dir und allen Herzkreisfrauen, dass für dich und euch alles so klappt, wie ihr es euch vorstellt und wünscht!

Deine / eure Brigitte

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